Geschichte

Forschung und Lehre am Kieler Philosophischen Seminar können auf eine lange, gleichwohl verschlungene Tradition zurückblicken. Bewegte sich die Philosophie in den ersten Jahrzehnten nach Gründung der Christian-Albrechts-Universität im Jahr 1665 noch im Horizont der Schulmetaphysik, so öffnete sie sich in der Epoche der Aufklärung modernen Ideen und erlebte eine erste Blüte: Johann Nicolaus Tetens (1736–1807) gilt als der erste Kieler Philosoph von überregionaler Bedeutung. Seine erkenntnistheoretischen und sprachphilosophischen Werke – vornehmlich entstanden seit seiner Berufung an die Kieler Universität im Jahr 1776 unter dem Einfluß des britischen und französischen Empirismus, aber auch in Auseinandersetzung mit den vorkritischen Schriften  Kants – wurden von dem Königsberger Philosophen mit großer Aufmerksamkeit gelesen und bereiteten seiner Transzendentalphilosophie den Weg. An Tetens' Rang wird heute am Philosophischen Seminar mit der Johann Nicolaus Tetens Gastvorlesung zur Sprachphilosophie erinnert, die einmal im Semester stattfindet.

1793 wurde mit Karl Leonard Reinhold (1757–1823) ein Denker nach Kiel berufen, der mit seinen »Briefen über die Kantische Philosophie« – von Kant selbst als die maßgebliche Auslegung seiner Philosophie gewürdigt – entscheidend dazu beigetragen hat, daß dessen Lehre die vorherrschende Philosophie der Aufklärung ablöste. Reinhold stand in engem Kontakt zu J. G. Fichte, F. W. J. Schelling und F. H. Jacobi und gab dem Deutschen Idealismus wichtige Impulse.

Zu den namhaften Philosophen, die im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts – wenn auch mitunter nur für kurze Zeit – an der Christian-Albrechts-Universität gelehrt haben, gehören Wilhelm Dilthey (1833–1911), einer der Hauptvertreter der hermeneutischen Wissenschaft, der Erkenntnistheoretiker und Philosophiehistoriker Benno Erdmann (1851–1927), der Indologe Paul Deussen (1845–1919) und Moritz Schlick (1882–1936), Begründer des »Wiener Kreises«. Während der Zeit des Nationalsozialismus finden sich allerdings auch hier Professoren,  die diesen philosophisch zu begründen und zu rechtfertigen suchten. Nach 1945 wirkten so bekannte Philosophen wie Otto-Friedrich Bollnow, Ludwig Landgrebe, Walter Bröcker, Hans Blumenberg, Paul Lorenzen, Karl-Heinz Ilting, Karl-Otto Apel, Kurt Hübner und Hermann Schmitz am Kieler Philosophischen Seminar.

Alle diese Namen stehen für die Vielfalt der Ausrichtungen philosophischer Forschung. Das Philosophische Seminar, bestehend aus drei Lehrstühlen, einer Juniorprofessur, drei wissenschaftlichen Mitarbeitern und zahlreichen Lehrbeauftragten, sucht an diese mannigfaltige und fächerübergreifende Tradition anzuknüpfen und das Fach Philosophie in seiner historischen und systematischen Breite zu vertreten. In der Forschung konzentriert es sich auf die zentralen Probleme und Themen gegenwärtigen Denkens. Zu den wichtigsten Forschungsbereichen gehören:
 

  • Praktische Philosophie
  • Politische Philosophie der Gegenwart
  • Probleme einer Theorie der sozialen Gerechtigkeit und der Sozialstaatsbegründung
  • Systematische Phänomenologie
  • Begriffsgeschichte
  • Historische Semantik
  • Kulturphilosophie
  • Sprachphilosophie
  • Ästhetik
  • Philosophie der Bildung