Termine und Aktuelles

Zum Tod von Karl-Otto Apel (1922-2017)

11.06.2017

Karl-Otto Apel gehörte zu einer Generation, die ihr Philosophiestudium aufnahmen, nachdem sie als Soldaten einen Krieg überlebt hatten. Apel erzählte gelegentlich, dass er als Student in seinen alten Wehrmachtshosen in oftmals ungeheizten Hörsälen saß. In diesen Hörsälen standen Professoren am Katheder, die häufig nicht frei von Verstrickungen und Verfehlungen waren. Apels Anfänge liegen in der Philosophie der historischen Geisteswissenschaften, die Erich Rothacker in seinem Buch „Logik und Systematik der Geisteswissenschaften“ (Bonn 1947) in Weltanschauungsfragen gründete, ohne dabei die Weltanschauung des Nationalsozialismus mit einem Worte zu erwähnen. Apel wurde später bei Rothacker an der Universität Bonn mit einer Arbeit über Heidegger promoviert und er habilitierte sich mit einer geistesgeschichtlichen Arbeit über „Die Idee der Sprache in der Tradition des Humanismus von Dante bis Vico“ an der Universität Mainz. 1962 wurde er nach Kiel berufen und lehrte bis 1969 an der CAU. In diese Kieler Zeit fallen Apels Abkehr von den Denkrichtungen von Hermeneutik, Geistesgeschichte und Historismus und seine Hinwendung zu systematischen Fragestellungen einer Sprachethik, mit denen Apel 1973 in seinem Hauptwerk „Transformation der Philosophie“, aber auch mit seinen Arbeiten zur Semiotik im Pragmatismus von C. S. Peirce hervortrat. Die Begegnung mit Hermann Schmitz hat keine bleibenden Spuren im Werl Apels hinterlassen. Die Kieler Periode ist in ihrer Bedeutung für den Denkweg Karl-Otto Apels nicht befriedigend erforscht.

In seinem Hauptwerk geht es Apel um nichts weniger als um eine Grundlegung einer Ethik für die planetarische Zivilisation. Für Apel konnten weder Existentialismus oder Marxismus noch der Kritische Rationalismus der Popper-Schule eine solche Ethik begründen. Apels Suche nach einer solchen Ethik ist im Zeitalter des Anthropozän aktueller denn je. Apel blieb immer der Ethik Kants und damit dem Programm einer universalistischen Moralbegründung verpflichtet. Dem Kapitel „Juliette oder Aufklärung und Moral“ in der „Dialektik der Aufklärung“, in dem Horkheimer und Adorno die Ethik Kants mit den Philosophemen in den Schriften des Marquis de Sade parallelisierten, konnte Apel nichts abgewinnen. Kant schien für Apel den Kategorischen Imperativ aber lediglich als „Factum der Vernunft“ ausgewiesen zu haben. Apels Grundlegung sollte tiefer gehen und gleichwohl auf nichts anderes rekurrieren müssen als auf die genuin menschliche Tätigkeit sprachlichen Handelns in Gemeinschaft mit anderen. Apels Idee einer unhintergehbaren „Letztbegründung“ soll in den reflexiv nachweislichen Implikaten der Tätigkeiten von Kommunikation und Argumentation gründen. Wer immer sich durch seine eigenen Sprachhandlungen als Mitglied einer Kommunikationsgemeinschaft konstituiert, in der mit Gründen über Geltungsansprüche diskutiert werden kann, hat sich – bei Strafe eines sog. performativen Selbstwiderspruchs – selbst, d.h. ipso facto auf bestimmte Handlungsprinzipien verpflichtet, von denen eines zur Beförderung der idealen „in“ einer der vielen realen Kommunikationsgemeinschaften verpflichtet. Diese Prinzipien sind, wie Apel in der Kritik am sog. Münchhausen-Trilemma der Moralbegründung hervorhob, weder deduziert noch induktiv durch Beobachtung gewonnen, sondern sie werden einsichtig nur durch transzendentalpragmatische Reflexion. Die andauernde Debatte über „Transcendental Arguments in Moral Theory“ (so der Titel eines unlängst von Micha Werner herausgegebenen Bandes) zeigt die Relevanz der Apelschen Argumentationsführung für die Gegenwartsethik. Der Auseinandersetzung mit dem Ansatz seines langjährigen Weggefährten Jürgen Habermas hat Karl-Otto Apel ein ganzes Buch gewidmet. Für Apel zählten „Auseinandersetzungen“ generell zum Wesen der Tätigkeit des Philosophierens und er hat Auseinandersetzungen nicht nur geführt, sondern gelebt.

Karl-Otto Apel hat sich schon früh auch für Fragen der Umweltethik interessiert. So setzte er sich 1990 auf der Konferenz in Melbu/Norwegen lebhaft mit Hans Jonas und dem Tiefenökologen Arne Naess auseinander, die eine Naturethik in Ontologie (Jonas) und Ökosophie (Naess) gründen wollte. Eine Ethik für die planetarische Zivilisation musste für Apel in ihrem Kern auf der „logos“-Auszeichnung des Menschen beruhen, musste die Naturkrise der Moderne zu einem prioritären Thema praktischer Philosophie machen. Apel hat durch sein Buch „Diskurs und Verantwortung“ entscheidend dazu beigetragen, dass sich die Bereiche der praktischen Philosophie auf diskursive Weise entfalten konnten. Schüler*innen Apels wie Wolfgang Kuhlmann, Dietrich Böhler, Marcel Niquet, Adela Cortina, Matthias Kettner u.a. haben Apels Ansatz fortgeführt. Der Aufsatzband „Kommunikation und Reflexion“ (hg. Böhler/Kuhlmann), der als Festschrift zu Apels 60. Geburtstag erschien, stellt die Breite der Rezeption von Apels Sprachethik eindrucksvoll unter Beweis.

Apel betrieb Philosophie mit großer Ernsthaftigkeit und Leidenschaft. Im Philosophieren stand immer etwas Bedeutsames auf dem Spiel und es geht hierbei um mehr als nur um einen Austausch von Meinungen. Der Verfasser dieser Zeilen erinnert ein Seminar an der Universität Frankfurt, in dem drei Professoren: Karl-Otto Apel, Jürgen Habermas und John Searle über Sprachpragmatik und Ethik diskutierten. Apel warf Searle vor, mit seinem Buch „Intentionality“ das Paradigma der Sprachphilosophie wieder in rückwärtsgewandte Richtungen der Subjektphilosophie zu verlassen und damit die Errungenschaften des „lingustic turn“ ohne Not preiszugeben. Geradezu allergisch reagierte Apel auf die Welle der sog. postmodernen Philosophien und auf all das, was er in die Kategorie „Historismus/Relativismus“ einordnete, den er in seiner eigenen intellektuellen Biographie überwunden zu haben glaubte. Die in den 190er Jahren unter Student*innen beliebte Parole „Anything goes“ schien ihm eine für die Philosophie unheilvolle Verbindung beider Strömungen.

Apel besaß die Fähigkeit, geradezu synoptisch die Voraussetzungen und Konsequenzen philosophischer Positionen zu überblicken. Fast immer hatte er recht. Dies verlieh seinem Habitus gelegentlich etwas Unduldsames, da ihm sofort vor Augen zu stehen schien, worin eine bestimmte Position gründet und worauf sie hinauslaufen musste. Apel ließ keine stillen Prämissen passieren. Da mussten sich Student*innen kritische Kommentare gefallen lassen, noch bevor sie ausgeredet hatten. Gleichwohl war Apel zutiefst überzeugt, dass der Streit der Philosoph*innen letztlich ein „liebender Streit“ sei, bei dem alle Beteiligten nur gewinnen könnten.

Karl-Otto Apel ist am 15. Mai 2017 im Alter von 95 Jahren verstorben. Das Philosophische Seminar der Christian-Albrecht-Universität zu Kiel blickt voller Anerkennung auf das Lebenswerk Karl-Otto Apels.

 

Im Namen des Direktoriums des Philosophischen Seminars: Konrad Ott